Weltreise mit Baby

Anekdoten aus Japan

geschrieben am: 25.Juni 2017

Es ist 9 Uhr morgens. Unser derzeitiges mobiles Zuhause, ein Mazda Bongo Transporter, steht auf einem kleinen Waldparkplatz nahe der japanischen Stadt Nikkawa. Ein paar Meter von uns entfernt bietet eine zweistöckige, etwas in die Jahre gekommene, stählerne Aussichtsplattform durch die Bäume hindurch einen schönen Blick über die Stadt. Auf der anderen Seite des Parkplatzes steht ein kleines, hölzernes Toilettenhäuschen. Trotz des abgelegenen Standortes sind die sanitären Anlagen sauber – wie fast überall in Japan.

Ich stehe unter der geöffneten Heckklappe des Bullis (welcher wohl der Nach-nach-nachfolger von Olli aus Neuseeland sein muss) und bereite unser Frühstücksmüsli zu. In Japan Haferflocken zu bekommen ist gar nicht so einfach, der Japaner frühstückt gerne Reis und Miso Süppchen. Wir sind bei der ersten Mahlzeit des Tages bisher allerdings immer noch recht deutsch geblieben.

Neben den Müslischalen köchelt auf einem kleinen Gaskocher ein Topf mit Reis und Gemüse. Zwischenmahlzeit für den Knirps. Und natürlich auch für uns. Immer fertiges Essen zu kaufen würde das eh schon stark strapazierte Budget hier in Japan zu sehr belasten.

Übernachtungsplatz im Wald

Übernachtungsplatz im Wald

Present!

Ein kleiner weißer Toyota kommt auf den Parkplatz gerollt. Ein japanisches Ehepaar um die sechzig steigt aus. Während sie in dem Toilettenhäuschen verschwindet, kommt er neugierig auf mich zu und schaut mir über die Schulter. Englisch spricht er wie die meisten Japaner nicht, aber mit Händen und Füßen lässt sich recht einfach erklären was ich gerade mache. Ohh, ahhh, lunch. Er schaut neugierig in den Topf und dann auf die Müslischalen. Obst und Flocken mit Milch zum Frühstück, schon komisch diese Ausländer.

Lächelnd verabschiedet er sich und geht zurück zum Auto wo auch seine Frau schon wartet. Zwei Minuten später steht er wieder hinter mir. „Present!“ meint er und hält eine Packung mit Einwegbechern aus Plastik in die Höhe. Wir bedanken uns ausführlich und dann verschwinden die beiden in ihrem Toyota.

Eine Stunde später haben wir fertig gefrühstückt. Inklusive tollem Ausblick von der Plattform. Sina packt gerade die letzten Sachen wieder ins nun fast abfahrbereite Auto, als der weiße Toyota wieder auf den Parkplatz gerollt kommt. Der uns schon bekannte Mann steigt aus, in der Hand eine große Plastiktüte. Nacheinander fischt er ein Kilo Kasslerscheiben, ein Pfund Steakhäppchen, ein Kilo Wiener Würstchen am Stiel und ein halbes Kilo Bauchspeck heraus und drückt es Sina in die Arme. „Present!“. Ein freudiges Strahlen liegt in seinem Gesicht.

Wir stehen ziemlich verdutzt da. Mir wird bewusst, dass ich noch die Zahnbürste im Mund habe und nehme sie schnell heraus. Nach einigen Worten Smalltalk, die allerdings ziemlich unter der Sprachbarriere leiden, fahren die beiden winkend von dannen.

Wir bleiben mit unseren knapp drei Kilo Fleisch auf dem Parkplatz zurück und fragen uns, ob wir zu viel Mitleid erregt haben weil wir mit Baby im Auto schlafen, oder weil wir kein Fleisch im Essen hatten. Es kann natürlich auch sein, dass der gute Mann sich geschämt hat, weil er nur ein paar Plastikbecher für uns hatte. Wir werden es nie erfahren…

Present!

Present!

Back to the roots

Ich hätte nie gedacht, dass wir ausgerechnet in Japan so minimalistisch campen würden wie vorher auf der ganzen Reise nicht. Wir schlafen auf öffentlichen Parkplätzen und nutzen ausschließlich öffentliche Toiletten. Jeden Abend wird der Kindersitz vom Knirps ausgebaut und auf den Beifahrersitz gepackt, die hintere Sitzreihe umgeklappt und dann eine Matratze aus dem Kofferraum darauf ausgebreitet. Zu dritt schlafen wir dann auf knapp 1,40m – und es ist toll.

Japan macht einem diese Art von Reisen sehr einfach. Es gibt unheimlich viele Parkplätze und noch mehr öffentliche Toiletten. Dazu kommt, dass 99% all dieser Toiletten sauberer sind als man sich das als Deutscher je vorstellen könnte. Absolut kein Vergleich zu den verranzten Aborten, die man bei uns gewohnt ist vorzufinden. Wenn es überhaupt welche gibt. Hier findet man dafür oft frische Blumen und Toiletten mit automatischer Hinterteil-Duschfunktion :-)

Japanische Verhältnisse im Flieger

Vor gut zehn Tagen sind wir in der Nähe von Tokio gestartet, nachdem wir auf dem Flug schon festgestellt hatten, dass Japaner anscheinend wirklich nicht viel Platz brauchen. Ich hatte bisher noch auf keinem meiner Flüge so wenig Platz wie bei „Vanilla Air“ (was will man von einer Fluggesellschaft mit so einem Namen auch erwarten…).

Vanilla Air - Nichts für große Leute...

Vanilla Air – Nichts für große Leute…

Viel grüner als erwartet

Mittlerweile haben wir die Hauptinsel Japans einmal durchquert und sind an der Westküste angekommen. Um die teuren Autobahngebühren zu vermeiden, sind wir hauptsächlich auf kleineren Überlandstraßen unterwegs. Dadurch kommen wir zwar langsamer voran, halten aber auch an Stellen, die wir sonst nicht gesehen hätten. Besonders der Knirps freut sich, wenn eine große Wiese, am besten noch mit Fluß oder sogar einem Wasserfall auf dem Weg liegt und er dort auf Entdeckungstour gehen kann. Es ist allerdings nicht immer einfach, diese Punkte in Japan zu finden. Die meisten Schilder sind nur auf japanisch. Ein Hoch auf google maps oder die offline App maps.me, ohne die wir hier komplett aufgeschmissen wären.

Wir waren überrascht, wie grün Japan ist. In den vergangenen Tagen, die uns hauptsächlich durch die japanischen Alpen geführt haben, waren wir oft von riesigen Waldlandschaften umgeben. Insgesamt hatte ich mir Japan immer „enger“ vorgestellt und nicht so weitläufig. Allerdings waren wir bisher auch noch in keiner großen Stadt.

Leuchtend grüne Landschaften im Kakumanbuchi Marshland

Leuchtend grüne Landschaften im Kakumanbuchi Marshland

Gefängnisstrafen für zu schnelles Fahren

Interessant ist auch das Handling mit den Geschwindigkeitsbegrenzungen hier. Anfangs war ich über die strikten Strafen erstaunt, die in Japan für zu schnelles Fahren angesetzt sind. Sobald man mit mehr als dreißig Kilometer pro Stunde zu schnell erwischt wird, droht sogar eine Gefängnisstrafe. Wir tuckerten daher brav mit den vorgegebenen 60km/h über die Landstraße. Allerdings stellten wir schnell fest, dass sich so gut wie niemand auch nur annähernd an die Begrenzung hält. Sobald die Straße zweispurig wurde, zogen sowohl Autos wie auch LKWs mit mindestens achtzig an uns vorbei. Mittlerweile sehen wir die Limits auch etwas lockerer, zumal wir noch keine einzige Kontrolle gesehen haben. Die Gefängnis-Grenze überschreiten wir vorsichtshalber aber dann doch nicht. Wer weiß…

Der Japaner schläft gerne mal zwischendurch. Auf der Parkbank, im Bus oder natürlich auch im Auto. Es gibt keinen Parkplatz, auf dem man nicht ein Auto findet, in dem jemand seinen Sitz zurück geklappt hat und friedlich schlummert. Leider immer bei laufendem Motor. Es scheint ein Verbot zu geben, dass man im Auto sitzt und der Motor nicht läuft, unabhängig von der Außentemperatur. Denn auch die Fahrer, die mit uns auf den Parkplätzen übernachten (es ist nicht unüblich in Japan, die Nacht während einer langen Fahrt im Auto zu verbringen), wird der Motor während der Zeit nicht abgestellt.

Für uns geht es nun die Westküste entlang und dann weiter Richtung Kyoto. Mal sehen was da noch alles passiert. Heute morgen haben wir schon wieder einen Brokkoli und zwei Gurken geschenkt bekommen. Frisch vom Feld, als wir nebenan auf einem Kinderspielplatz gefrühstückt haben. So unterernährt sieht der Knirps doch gar nicht aus, oder??!? Bis bald :-)

Noch ein paar Eindrücke der letzten Wochen:

Irgendwo war doch der Regenwurm...

Irgendwo war doch der Regenwurm…

Picknick im Bulli

Picknick im Bulli

Japanische Voralpenidylle...

Japanische Voralpenidylle…

Wurst am Stiel!

Wurst am Stiel!

Skurile Parkplatzerlebnisse: Zusammentreffen von Cowboys und Autotunern

Skurile Parkplatzerlebnisse: Zusammentreffen von Cowboys und Autotunern

Friedliche Atmosphäre im Mizusawa Tempel

Friedliche Atmosphäre im Mizusawa Tempel

Schöne Aussicht von unserem Schlafplatz in Takayama

Schöne Aussicht von unserem Schlafplatz in Takayama

UNESCO Welterbe Shirakawa-Go

UNESCO Weltkulturerbe Shirakawa-Go

Kanazawa hat einen der schönsten Gärten von Japan

Kanazawa hat einen der schönsten Gärten von Japan

Viel zu erzählen

Viel zu erzählen

Japaner essen wohl gerne Fertigsuppe...

Japaner essen wohl gerne Fertigsuppe…

Etwas zu trinken für den toten Mönch im Jenseits

Etwas zu trinken für den toten Mönch im Jenseits

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2 Kommentare

  1. Anekdote: ein Wiener erzählte mir , dass er in Japan stets dasselbe Begrüßungsritual erlebt hat; beim Handreichen die 3 Fragen: whats your name? z.B. „Randi“ where do you come from? „Germany“ How old are you? „äähem?? Erklärung: sie müssen dein Alter wissen um dich entsprechend „ehrfurchtsvoll“ zu behandeln falls du älter bist. In eurem blutjungen Alter noch kein Problem, aber bei mir, als er mir das in Österreich/richtiger Südtirol vorführte, brachte ich nur ein „äähem“ raus ;-))

    Weiterhin viel Spaß und Glück und 1000 Schutzengel auf eurer Reise
    herzlichst Randi

  2. wir haben Sonntag gemeinsam auch noch was vor, nicht so Aufregendes wie ihr, aber immerhin: CSD (?) in Saarbrücken old Germany, almost France.
    love Dolly & Randi

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