Weltreise mit Baby

Tomaten

Arbeiten auf der Farm – Wwoofing mit Baby

geschrieben am: 14.August 2016

Seit gut einer Woche befinden wir uns mitten im kanadischen Nirgendwo. Wirklich. Der nächste Ort heißt Lytton, hat 228 Einwohner und ist 18 Kilometer weit weg. Um hierher zu gelangen fährt man mit einer Mini-Fähre, auf die genau zwei Autos passen über den Fraser River. Dann schlängelt man sich eine halbe Stunde lang eine staubige Schotterstraße, auf der teilweise keine zwei Autos nebeneinander Platz finden, hoch zu einer Farm mit dem schönen Namen Sapo Bravo – mutiger Frosch. Tja, und da sind wir nun und wwoofen.

Wwoofing mit Baby?

„Wwoofing , was is’n das??“ So die Reaktion einer Freundin über whatsapp auf die Antwort, was wir denn gerade so treiben. Ich habe das System selber eher zufällig kennengelernt, als ich vor zwei Jahren alleine in den Ardennen wandern war und dort auf einer Farm übernachtet habe. Dort gab  es ebenfalls Wwoofer. Die Grundidee beim Wwoofing ist, dass man als Reisender eine Zeit lang auf Biohöfen für ein paar Stunden am Tag mithilft. Im Gegenzug gibt es freie Unterkunft und Verpflegung. Außerdem lernt man nebenbei auch noch so einiges über eine Branche, mit der ich vorher eigentlich nur über den Einkauf im Bioladen in Kontakt war. Was es eigentlich heißt, Lebensmittel ökologisch anzubauen und zu ernten bevor sie dann auf dem Wochenmarkt oder an der Gemüsetheke landen, davon wusste ich bisher nur sehr wenig.

Wir waren uns Anfangs nicht so sicher, ob Wwoofing mit Baby ebenfalls funktionieren wird. Schließlich braucht der Knirps ja über den Tag hinweg doch noch ein wenig mehr Aufmerksamkeit. Diese Sorge hat sich allerdings schnell als unbegründet herausgestellt. Der Alltag hier auf der Farm gestaltet sich glücklicherweise so, dass für Sina genug am und im Haus zu tun ist, während ich meistens mit auf den Feldern bin. Außerdem arbeite ich ein wenig mehr als die beim Wwoofing üblichen 6 Stunden am Tag. Dadurch hat Sina zwischendurch auch mal die Chance, sich etwas ausgiebiger mit dem Knirps zu beschäftigen. Dazu kommt, dass Ashala, die Farmerin, selber zwei Kinder groß gezogen hat. Sie ist daher in Sachen Babybetreuung sehr entspannt und wusste worauf sie sich mit uns einlässt.

Mit dem Knirps auf dem Rücken kann Mama auch mithelfen.

Mit dem Knirps auf dem Rücken kann Mama auch mithelfen.

Farmromantik und was sonst noch dazu gehört

Es ist Mittwochmorgen so gegen neun Uhr. Außer dem gleichmäßigen, rhythmischen Schlagen eines Wassersprengers der etwas entfernt von mir die Bäume wässert ist es still. Ab und zu hört man von  irgendwo das Tschilpen eines Blauhähers, eine für die Gegend hier typische Vogelart mit – welch eine Überraschung – blauen Federn. Während ich langsam und vorsichtig gelb-rote, tennisballgroße Pfirsiche von dem Ast eines Baumes abdrehe, wandert mein Blick immer wieder zu den Bergketten die Farm umgeben. Morgens braucht die Sonne eine ganze Weile bis sie es geschafft hat über die Bergspitzen zu klettern um dann die Felder mit Licht und Wärme zu versorgen. Bis dahin spiegeln sich die ersten Lichtstrahlen des Tages auf den gegenüberliegenden Bergen. Die Pfirsiche verteilen einen unglaublich aromatischen Duft, der es einem unmöglich macht, nicht zwischendurch mal den ein oder anderen zu probieren.

Soweit die schöne Seite der Arbeit – es gibt natürlich auch einige Tätigkeiten, die nicht unbedingt zu den beliebtesten gehören. Mir war zum Beispiel nicht klar, wie anstrengend es ist, Basilikum zu ernten. Zu viert haben wir an einem Tag jeder Woche locker drei Stunden damit verbracht, mit Daumen und Zeigefinger die feinen Spitzen der Basilikumpflanzen abzuknipsen. Nach spätestens einer Stunde fing mein zarter Bürorücken dann an, sich immens über die ungewohnte Haltung zu beschweren. Da merkt man erst, wie es den Menschen gehen muss, die solche Arbeiten tagtäglich machen müssen.

Pfirsiche pflücken mit Aussicht

Pfirsiche pflücken mit Aussicht

Mittagessen für alle mit frischesten Zutaten

Die Tage beginnen früh hier, um sieben Uhr geht es los. Fast wie früher. Der große Unterschied besteht allerdings darin, dass dafür um 16 Uhr der Arbeitstag in der Regel auch vorbei ist. Ashala muss lachen, als ich erzähle, dass ich die letzten 11 Jahre immer in Anzug und Krawatte zur Arbeit gegangen bin. Überstunden gibt es hier so gut wie keine. Mittags kocht Wendy, eine Freundin von Ashala, Mittagessen für alle. Natürlich nur mit frischesten Zutaten direkt vom Feld. Es geht nichts über Salate oder Saucen aus bis zum Platzen mit Aroma gefüllten Tomaten in allen Farben, knackigen Zucchini oder violett leuchtende Auberginen – alles frisch vom Feld gepflückt.

Auch der Knirps isst immer fleißig mit. Wir versuchen seit neuestem ihm zu jeder Mahlzeit auch etwas in die Hand geben. Er sitzt dann bei uns auf dem Schoss und saugt gierig an einer Pflaume oder einem Pfirsich. Komischerweise mag er auch den vorher so verhassten Möhrenbrei auf einmal, irgendwie scheint die allgegenwärtige Esseneuphorie auch auf ihn überzuspringen.

Während der Arbeitszeiten liegt er entweder entspannt auf seiner Decke unter der großen Trauerweide vor dem Haus oder beobachtet die Umgebung interessiert aus dem Tragesystem, das Sina sich auf den Rücken geschnallt hat. So kann sie helfen, Tomaten, Gurken, Zucchini,  Paprika,  Basilikum, Pflaumen und Pfirsiche zu sortieren und in Kartons zu verpacken. Dieser werden dann am Wochenende an Restaurants in Vancouver geliefert oder dort auf dem Farmers Market verkauft.

Alles von der Farm - nur Mehl und Hefe kommen bei dieser Pizza aus dem Supermarkt

Alles von der Farm – nur Mehl und Hefe kommen bei dieser Pizza aus dem Supermarkt

Ohne Strom- und Wasseranschluss

Auf der Sapo Bravo Farm lebt man „off the grid“. Es führen keine öffentlichen Strom- oder Wasserleitungen zum Haus. Dadurch kommt eine rustikalere Lebensweise zustande als wir sie in den letzten Wochen gewöhnt waren. Womit ich nicht gerechnet hatte, ist ein Internetzugang. Mit der satellitengespeisten Verbindung gibt es hier mitten im Nirgendwo tatsächlich wlan in einer Geschwindigkeit, von der manche Dörfer in der Eifel nur träumen. Der Strom wird über Sonnenkollektoren auf dem Dach gewonnen und dann in Batterien gespeichert. Da die Speichermöglichkeiten allerdings sehr eingeschränkt sind, muss auch der Stromverbrauch über Nacht so gering wie möglich sein. Im Haus gibt es daher nur sehr wenige Lampen (genau zwei!), das wlan wird nachts abgeschaltet und der Kühlschrank läuft mit Propangas anstatt mit Strom. Funktioniert trotzdem alles wunderbar. Sogar eine heiße Dusche per Durchlauferhitzer ist drin. Das Trinkwasser kommt direkt vom Berg. Einige hundert Meter über dem Haus wird es in eine Rohrleitung eingespeist. Durch das große Gefälle baut sich so ein großer Wasserdruck auf, dass zwei Farmen damit komplett versorgt werden können, inklusive Bewässerung der Pflanzen. Wasser sparen ist hier quasi verboten, denn das Schließen aller Ventile würde den Druck zu sehr ansteigen lassen. Daher plätschern die Wassersprenger hier bei jedem Wetter lustig vor sich hin. Mit gutem Gewissen.

Off the grid - ohne Kerzen geht abends nichts

Off the grid – ohne Kerzen geht abends nichts

Konzept „Wwoofing mit Baby“ funktioniert

Dies wird sicherlich nicht das letzte Mal gewesen sein, dass wir das Konzept „Wwoofing mit Baby“ praktizieren. Der Kleine ist jetzt best buddy mit den Hühnern und wir haben eine wirklich tolle Zeit hier. Geld verdienen dürfen wir in Kanada  nicht, für die Work And Travel Visa sind wir leider schon zu alt. Daher ist Wwoofing ein guter Weg für uns, das Budget ein wenig zu schonen. So können wir es uns später vielleicht leisten, für einige Zeit einen Camper zu mieten. Bis dahin wollen aber noch ein paar Pfirsiche gepflückt sein!

Noch ein paar Eindrücke der letzten Tage…

Die Sapo Bravo Farm im kanadischen Nirgendwo

Die Sapo Bravo Farm im kanadischen Nirgendwo

Pflaumenernte!

Pflaumenernte!

Frühstück

Frühstück

Baden im Kochtopf

Baden im Kochtopf

Urige Farmatmosphäre

Urige Farmatmosphäre

Die Fähre über den Fraser River wird mit einem Seilsystem angetrieben

Die Fähre über den Fraser River wird mit einem Seilsystem angetrieben

Teil Mich!
Facebooktwittergoogle_pluspinterestmail

Alle neuen Berichte automatisch per Mail bekommen? Abonniere den Newsletter:

18 Kommentare

  1. Susann sagt:

    Klingt perfekt…pfirsiche in Kanada…ok, das ist mir neu. Wwooofing geht auch in neuseeland.

    1. Christian sagt:

      Hi Susann, wusste ich auch nicht! Aber sie schmecken auf jeden Fall fantastisch!
      Ja, wwoofing gibt es in fast allen Ländern auf der Welt. War mir vorher auch nicht klar.

  2. Stefan A. sagt:

    Wie kommt man beim wwooofing denn an den Arbeitgeber?

    1. Christian sagt:

      Hi Stefan, jedes Land hat seine eigene wwoofing Plattform. Dort bezahlt man einen Obulus durch den man dann beim Arbeiten auch versicherungstechnisch abgedeckt ist und erhält Zugang zu allen Farmen, die Wwoofer aufnehmen. Man erstellt selber auch ein Profil von sich, über das die Farmen dann auch direkt Kontakt mit Dir aufnehmen können. Klappt also in beide Richtungen.
      Es gibt die Seite http://wwoofinternational.org/ – von dort aus gelangt man auf die Länderseiten.

      1. Stefan A. sagt:

        Danke für die Infos. Habt ihr das erst in Kanada eingestielt?

        1. Christian sagt:

          Ja, das ging alles recht spontan. Vorlaufzeit von zwei Wochen reicht meistens aus.

  3. Christoph sagt:

    Montag morgens, Berlin, Schreibtisch, PC, Büroluft, Frühstücksstulle in Alufolie und ziemlich sichere Aussicht auf den unsicheren Feierabend um 17 Uhr – und dann dieser Beitrag… Ihr macht es soetwas von richtig!

    1. Christian sagt:

      Mit Montag Morgen kann ich hier auch dienen. Der Rest ist tatsächlich ganz schön weit entfernt! Kenne Das mit der Büroluft, hat meistens ziemlich wenig mit frischen Pfirsichen zu tun :-)

  4. Simon sagt:

    Das sieht ja traumhaft aus. Ich wünsche euch weiterhin viel Spass…

    PS: Es gibt auch alternativ noch diese Plattform: https://www.workaway.info/index-de.html, wir finden diese etwas übersichtlicher…

    Lg

    1. Christian sagt:

      Hej super, vielen Dank für den Hinweis!

  5. Sybille sagt:

    Wooooww – super schön! Tolle Fotos und strahlende Kinderaugen, klasse! Und Leben ohne Anschluss an die Strom-& Wasserversorgung, das nenne ich mal Abenteuer :-) Frohes Schaffen weiterhin!

    1. Christian sagt:

      Hört sich wilder an als es ist. Letztendlich ist ja alles da – Strom halt nur nicht immer so viel :-)
      Grüße nach Nippes!

  6. Dani sagt:

    Schön, dass ihr meinen Traum schon mal vorlebt und testet ;)! Großartig liest sich das und sieht das aus! Ich mache auch meine ersten Babyschritte – unser erstes Hochbeet ist fertig, die ersten Kamillen zum trocknen aufgehängt und der erste Kuchen mit seblst gepflückten Waldbrombeeren auch gegessen. :) Und ich überlege, ob ich ab März auch ein wenig woofen gehen soll. Aber um versichert zu sein, muss man dafür wohl ins Ausland gehen, oder?
    Ganz liebe Grüße Dani

    1. Christian sagt:

      Hi Dani, Wwoofing gibt es auch in Deutschland. Schau mal auf den Link im Beitrag, da findest du auch die deutsche Organisation!

  7. Marc sagt:

    Mann ich komme aus dem Staunen nicht mehr raus. Erst mal nen super Start in den Tag, hier geht es auf die Nachruhe zu. Freue mich schon auf den nächsten Bericht! Beste Grüße

    1. Christian sagt:

      Hej vielen Dank! Tja, wir sind der Zeit immer etwas hinterher hier :-)

  8. Thilo Jaeker sagt:

    Hi Christian und Sina,
    meine Nichte hat Wwoofimg in Neuseeland gemacht. Jetzt ist sie mit dem Farmer liiert und scheint sehr glücklich zu sein. Sie wird vermutlich nicht mehr zurück kommen.
    Gruß aus Kroatien
    Thilo Esther Tira Namir Jonah

    1. Christian sagt:

      Ui, dann hoffe ich mal, dass uns das nicht auch passiert :-)). Kannst ja vielleicht mal den Kontakt herstellen, Neuseeland steht bei uns ja Anfang nächsten Jahres auch auf der Liste!
      Viel Spaß noch im Urlaub!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

*